Endlich konstant

In früheren Jahren ließen sich die Spielzeiten von Bayer 04 oft kurz und bündig als Achterbahnfahrt zusammenfassen. Die Werkself gewann und verlor nicht nur einfach in unregelmäßigen Abständen, so wie es bei den meisten Mannschaften Usus ist, auch die Leistung schwankte sehr. In dieser Saison setzt sich bisher aber ein Trend fort, der sich auch schon in den Bosz-Spielen der Rückrunde zeigte: In dieser Kategorie ist Leverkusen langweilig geworden, aus einer aufregenden Achterbahn wurde ein gemütliches Fahrgeschäft für Kinder.

Gegen die Absteiger holte Bayer 04 in der Rückrunde jeweils drei Punkte, gegen Union und Paderborn war in dieser Saison ebenfalls die maximale Ausbeute drin. Gegen die Champions-League-Teams konnte bisher nur gegen Bayern München gewonnen werden, denn gegen Leipzig und zweimal gegen Dortmund wurden keine Punkte eingefahren, gegen Juventus Turin nun auch nicht. Verbleiben die Mannschaften aus dem großen Tabellenmittelfeld: Gegen die, die in der vergangenen Saison auf einem einstelligen Tabellenplatz landeten, holte Bayer 04 nur 1,667 Punkte pro Spiel, gegen die übrigen sechs Vereine (10.-16.) hingegen 2,75 im Durchschnitt, nur das 1:1 gegen Schalke 04 fällt heraus.

Was sagt uns das jetzt nun? Erst einmal ist es positiv, dass die Mannschaft in Ergebnissen und Leistungen konstanter geworden ist. Schließlich war das jahrelang der größte Kritikpunkt. Es ist bemerkenswert wie stark die Punkteausbeute mit dem Tabellenplatz des Gegners korreliert, aber auch, dass die Leistungen relativ konstant waren. Selbst höhere Niederlagen, z.B. das 4:1 in Hoffenheim, waren spielerisch keine Katastrophe, selbst schlechtere Leistungen gegen einen schwächeren Gegner, z.B. der 1:0 Sieg in Stuttgart, führten noch zu einem verdienten Sieg.
Die andere Seite der Konstanz sind aber die aktuellen Grenzen des Leverkusener Spiels. Hrádecký sagte nach Turin: „Solche Spiele zu gewinnen – so weit sind wir noch nicht. Vielleicht reicht es momentan für die Bundesliga, aber du siehst den Unterschied in allen Bereichen. Momentan können wir mit einer Mannschaft wie Juve nicht mithalten. Das hat das Spiel gezeigt und das müssen wir auch zugeben.“ Ja, stimmt. Jeder Teil dieses Zitats. Wenn ich an die Niederlagen dieser Saison denke, neben Turin also auch an Dortmund, so sind beide Spiele zwar sehr verschieden, aber die Unterschiede zum Gegner waren jeweils eindeutig. Deshalb fällt es mir auch schwer hervorzuheben, was unter der Woche in Italien besonders misslang, denn kein Teil des Spiels und kein Spieler fiel besonders durch, ebenso stach aber auch nichts heraus. Es gibt sehr gute taktische Beobachtungen dieses Spiels, aber Sarris Turin gewann nicht aufgrund besonderer taktischer Raffinésse, sondern weil seine Mannschaft einfach eine Klasse besser war.

Es scheint nur eine Ausnahme von dieser Kontinuität zu geben, denn Leverkusen verlor auch dann als klarer Favorit, wenn es besonders weh tat. Heidenheim, Lokomotiv Moskau und natürlich auch Krasnodar sind hier zu nennen, auch wenn man gegen Krasnodar zwar streng genommen nicht verlor, aus der Europa League schied man gegen sie aber trotzdem aus.

Diese Spiele passen nicht nur nicht in die Reihe, ich finde sie auch kaum erklärbar. Wie auch? Das erste Spiel in der Champions League wurde im Wesentlichen nicht wegen der Offensive verloren. Auch wenn ein geschossenes Tor, obendrein da es ein Eigentor von Höwedes war, nicht besonders viel war und es auch nicht viele sonstige hochkarätige Chancen gab. Das eigentliche Problem dieses Spiels waren die beiden Gegentore, welche nichtmal erspielt werden mussten, denn Leverkusen schenkte sie den Russen beide quasi als Willkommensgeschenk. Wie soll man nun erklären, warum insbesondere die Defensive so unkonzentriert war, was sich exemplarisch im Fehlpass von Lukáš Hrádecký vor dem 1:2 zeigte? Ein haarstreubender Pass, dabei war Hrádecký nichtmal sonderlich unter Druck gesetzt, denn Moskau spielte ein ausgesprochen verhaltenes Angriffspressing.
Vielleicht seid ihr diesbezüglich klüger, lasst es mich gerne wissen, aber kommt bitte nicht mit Mentalität, Überzeugung oder Einstellung, wenn ihr damit eigentlich ausdrücken wollt, dass ihr es auch nicht wisst. Und selbst mit dem Mentalitäts-Argument erklärt man nicht automatisch, warum diese angeblich gegen Mainz 05 vorhanden ist, nicht aber gegen Krasnodar. Derweil behandle ich diese Spiele als Ausnahme von der Regel, weil die Statistik gegen schwächere Vereine – wie oben beschrieben – eigentlich konstant gut aussieht.

Denn für weite Teile der Bundesliga ist Bayer Leverkusen zu gut. Wenn das aufrechterhalten werden kann, aktuell sieht das trotz höherer Belastung auch so aus, wird das wohl auch wieder für die Champions League reichen. Mehr ist aber aktuell auch nicht drin, denn der Abstand nach oben ist beachtlich. Und ich bin mir aktuell auch nicht sicher, ob sich das mittelfristig ändert. Der Wechsel von Brandt warf Leverkusen in der Entwicklung zurück, und auch wenn ich im Gesamten den Kader nun stärker finde, so war die spielerische Leistung in der letzten Rückrunde höher. Das überrascht zu diesem Zeitpunkt natürlich wenig, schließlich steigert sich eine Mannschaft im Regelfall im Laufe einer Saison und Bayers Neuzugänge sind noch nicht vollends integriert. Und auch wenn es zu früh ist, eine stichhaltige Prognose zu wagen, wie die spielerische Qualität sein könnte, wenn Neuzugänge integriert und Abläufe noch intensiver einstudiert sind, so bin ich doch sehr skeptisch, dass Leverkusen in dieser Saison den nächsten Schritt schon machen kann. Was gar nicht so dramatisch ist, wie es klingt, schließlich bedeutet Stagnation Champions League.

Der Regel nach dürfte Leverkusen wohl nicht gegen Leipzig gewinnen, zumindest dann, wenn Leipzig wieder so überzeugend auftritt wie in der letzten Saison und den ersten Spielen unter Nagelsmann. Insbesondere die Niederlage gegen Schalke ließ diesbezüglich bei mir Zweifel aufkommen, wir werden es aber sehen. Und selbst wenn, Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Ich habe die Logik dieses Spruchs zwar noch nie verstanden, ihr wisst aber was gemeint ist.

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