Standfest in die Rückrunde

Stimmungen schlagen schnell um. Innerhalb kürzester Zeit, so zeigte es die vergangene Saison, kann sich die nähere Erwartungshaltung von der Championsleague bis hin zum Klassenerhalt verschieben. Wo der Saisonstart von Euphorie geprägt war, blieb schlussendlich nicht mehr als Lethargie. Was zu Beginn völlig lächerlich klang, war es zum Schluss zwar immer noch, nun aber real. Und die Gewissheit, dass ein überdurchschnittlicher Kader mit einem vielversprechenden Trainer auch zu katastrophalen Ergebnissen führen kann, war die Erkenntnis, welche die Sommerpause überdauerte.

Foto von: www.lev-rheinland.de

In dessen Verlauf Heiko Herrlich als neuer Cheftrainer vorgestellt wurde. Ein Trainer, der zwar mit Jahn Regensburg beachtliche Erfolge feierte, im oberen Profisegment aber ein unbeschriebenes Blatt war. Nicht nur deswegen blieb eine klare Erwartungshaltung vor der Saison aus. Was kann man auch von einer sehr jungen talentierten Mannschaft erwarten, die zuletzt stark enttäuschte, mit Toprak, Papadopoulus, Dragovic, Chicharito, Kampl und Calhanoglu gute Spieler verlor und nun einen Trainer bekam, von dem man nicht so recht wusste, was man zu erwarten hatte? Besser als letzte Saison sollte es werden, soviel war klar, noch schlechter abzuschneiden wäre allerdings auch eine beachtliche Leistung. Was der genaue Plan der sportlichen Führung war, ließ sich nicht genau sagen. Hat man ganz bewusst auf die jungen Spieler gesetzt hat und gehofft, dass die es reißen? War es ebenso geplant ohne gelernten Rechtsverteidiger in die Hinrunde zu starten? Und wie überzeugt konnte man überhaupt von Herrlich sein, wo selbst Rudi Völler sagte, dass er nur die dritte Wahl gewesen war? Auch im Nachhinein erscheint der Plan schleierhaft, aber er scheint voll aufgegangen zu sein.

Die Mannschaft steht auf Platz vier der Tabelle, seit dem fünften Spieltag ungeschlagen und qualifiziert fürs DFB-Pokal Viertelfinale. Volland schoss sich in die Top Fünf der Torschützen, Bailey in die Top Fünf aller Spieler, die Benders rackern sich erfolgreich ab, sechs Tore wurden nach Kontern erzielt, Bayer 04 zählt aber dennoch mit 53% Ballbesitz zu den Mannschaften, die den Ball haben wollen. Taktische Umstellungen und Flexibilität bekam man ebenso zu sehen, wie ein besseres Agieren bei Standards, Spieler verletzten sich kaum, die Mannschaft wirkte zusammengeschweißt und die Neuzugänge konnten zeigen, worin ihre Qualität liegt. Und trotz dieser langen Liste an erfreulichen Dingen, blieb vieles noch unerwähnt.

Zu Beginn der Rückrunde hat die Werkself daher nicht nur viel zu gewinnen, sondern erstmals auch wieder etwas zu verlieren. Wo die Erwartungshaltung für diese Hinrunde noch aufgrund der vergangenen Saison nicht wirklich existent war, erspielte die Mannschaft sich bis dato durch ihre zuletzt sehr guten Leistungen eine Drucksituation. Von offizieller Seite würde man es nicht aussprechen, eine Qualifikation nur für die Europa-League würde nun längst nicht mehr zu der Freude führen, wie sie es wohl gegeben hätte, wäre das Umfeld am letzten Sommer schon von diesem Umstand berichtet worden.

Der erhöhte Druck könnte durchaus für die jüngeren Spieler ein Faktor sein, der das Momentum wieder umschlagen könnte. Insbesondere bei einem negativen Ausgang der anfänglich schweren Spiele gegen Bayern und Hoffenheim. Die Verletzungssituation könnte sich zuspitzen, in der Hinrunde war dies kein großer Faktor und das Glück in ausgewählten Situationen kann ebenfalls schnell verloren gehen. Doch hieran merkt jeder, dass diese aufgeführten Gefahren für die Rückrunde allerhöchstens Phrasen sind und ebenso auf alle weiteren 17 Vereine übertragbar sind. Was belanglos klingt, zeigt aber auch, dass der Trainer, seine Taktik und die Vorgehensweise solche Souveränität ausstrahlten, dass man sich hierrüber wenig Sorgen macht. Herrlichs taktische Variabilität überzeugt, minimiert das Risiko, dass gegnerische Vereine sich zu gut auf einen einstellen können und seine Mentalität scheint auch auf die Mannschaft übergegangen zu sein. Ein angenehmer Zustand, der unter Roger Schmidt vollkommen unvorstellbar wäre. Die strikte Umsetzung der Taktik steht nun nicht mehr über der Mannschaft, der Stolz des Trainers nicht mehr über der Vernunft und der Wunsch nach Spektakel nicht mehr über defensiver Stabilität.

Zwar habe ich betont, und die Vergangenheit zeigte es eindrücklich, wie schnell sich die Stimmung innerhalb weniger Spiele ändern kann und es wäre durchaus legitim als Konsequenz daraus zu ziehen, nicht zu viel auf zu wenig zu geben, vielleicht sogar vernünftiger, dennoch kann ich nicht leugnen, ein sehr gutes Gefühl zu haben. Vielleicht überwiegen noch die jüngsten Siege, vielleicht schwingt die Sehnsucht nach Erfolg mit und vielleicht bilde ich mir mehr ein als ist, aber ist das nicht auch legitim? Der Fußball unterm Bayerkreuz macht aktuell einfach Spaß, als Fan darf man sich in solchen Situationen dem auch einfach einmal hingeben. Würde man in einer pessimistischen Laune alles aus der Brille des strikt rationalen sehen, könnte man das Spiel nun am Freitag gegen den Rekordmeister aus München auch übergehen. So aber freue ich mich!

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