Transferperiode: Könnte unbefriedigend werden

Aller Voraussicht nach wird Leverkusen sich die dritte Saison in Folge nicht für die Königsklasse qualifizieren, ergo die Saison nicht zufriedenstellend beenden. Ein Faktor ist sicherlich der Kader, wenngleich für mich auch nicht der Grund, der mir als erstes einfällt. Auch nicht in dieser Saison. Denn der aktuelle Kader strahlt eine Erwartungshaltung aus, bei der die Qualifikation für die Champions League keine Kür einer überragenden Saison sein sollte, sondern ödes Pflichtprogramm. Dennoch gibt es Baustellen, perspektivisch wohl leider auch mit steigender Tendenz.

Tor

Das geht flott: Lukáš Hrádecký bleibt erster Torhüter, Ramazan Özcan hat kürzlich erst verlängert und wer dritter Torhüter ist, spielt streng genommen keine Rolle. Thorsten Kirschbaum wird gehen, ein neuer Thorsten Kirschbaum wird kommen. Alles bestens.

Abwehr

Die Verteidigung nächste Saison ist bislang dermaßen unklar, dass es leichter fällt, diejenigen Spieler zu beschrieben, bei denen es sowohl sicher ist, dass sie beim Bayer bleiben, als auch in welcher Rolle. Also Sven Bender. Viele weitere Spieler könnten hingegen den Verein verlassen wollen, so zum Beispiel auch Tah. Darüber wird zwar aktuell nicht geredet, ein Thema könnte es im Sommer dennoch werden.
Klar ist hingegen: Wendell ist als Linksverteidiger eigentlich nicht mehr tragbar. Über seinen Abgang wird diskutiert, einhergehend mit der Verpflichtung von Douglas Santos vom Hamburger Sportverein. Ich kann nicht allzu viel über ihn sagen, aber sehr viel zu Wendell. Damit bin ich Schmerz erprobt und optimistisch, dass man mit einem Nachfolger ein wenig mehr Konstanz auf dieser Position erwarten kann. Hoffnungen, die man auch mit Weiser verband, die er aber bislang nie vollends erfüllen konnte. Ihn sehe ich aber deutlich positiver als Wendell. Ich fand ihn stärker auf dem Feld und traue ihm noch eine Entwicklung zu. Es ist schwer genug, einen guten Außenverteidiger zu bekommen, zwei sind außerhalb des Rahmens, den man erwarten kann. War Lars Bender fit, spielte er oftmals anstatt Weiser. Optimal ist das aber auch nicht, weil Bender nicht die offensiven Anforderungen erfüllt, die Bosz an seine Außenverteidiger stellt.

Die Diskussion über die Verteidigung wird auch dadurch erschwert, dass Jedvaj und Ρέτσος [Retsos] auch in der Außenverteidigung spielen können. Verkauft man einen, gibt man gleich zwei Positionen ab. Ein Verkauf von Ρέτσος ist zwar nahezu ausgeschlossen, welche Rolle er nächste Saison im Kader einnehmen wird, lässt sich aber auch nicht sagen. Gegen Jedvaj sprächen gute sportliche Gründe, ich würde aber an ihm festhalten. Für die Rotation finde ich ihn vollkommen ausreichend und ich sehe nicht, dass man einen bezahlbaren Ersatz findet, der a) ähnlich flexibel und b) auch noch stärker ist.

Dragović äußerte zuletzt öffentlich seinen Unmut und kündigte indirekt weiteres Drängen auf einen Wechsel an, sollte sich an seinen Einsatzzeiten, die zu diesem Zeitpunkt sehr überschaubar waren, nichts ändern. Das Problem mit Dragović ist folgendes: Eigentlich braucht es einen Spieler wie ihn, nicht allein nur, weil aller Voraussicht nach in der nächsten Saison mit einer dreifachen Belastung umgegangen werden muss. Und er zeigte phasenweise, insbesondere in den letzten Wochen der Hinrunde, auch Leistungen, die mehr Einsätze rechtfertigen würden. Unter Bosz gab es bislang nur den alten Dragović, vielleicht bedingt durch das stärkere Pressing im neuen System, vielleicht bedingt durch stärkere eigene Leistungsschwankungen.

Mittelfeld

Dominik Kohr kann man eindeutig als Leidtragenden des Trainerwechsels ansehen. 1.429 Minuten stand er in dieser Saison bislang auf dem Platz, 1.395 davon in der Hinrunde. Es wäre ein leichtes, einen Abgesang auf ihn zu schreiben, seine kurzen Einsatzzeiten unter Bosz sind auch kein Zufall. Er ist stets bemüht, eine Floskel, die selten als Kompliment verstanden wird. Defensiv ist er solide, offensiv braucht er einen spielstärkeren Partner neben sich. Damit profitierte er von Herrlichs gesetzter Doppel-Sechs, fand aber unter Bosz keinen Anschluss. Aránguiz ist hingegen unangefochten, Kohrs eigentliche interne Konkurrenz sind aber Baumgartlinger und Lars Bender.
Es braucht im Kader zwei klassische Sechser (Baumgartlinger und L. Bender) und zwei Achter. Einer wäre Aránguiz, ein anderer müsste erst noch verpflichtet werden. Nun ist es aber so, dass von diesen vier Personen drei vakant sind. Einer könnte gehen (Aránguiz), einer muss vielleicht in der Verteidigung aushelfen (Bender) und einer ist noch gar nicht verpflichtet. Das sind so viele unbekannte Variablen, dass Kohr als klassischer Rotationsspieler dem Verein noch erhalten bleiben könnte.

Sturm

Brandt könnte gehen, er könnte auch bleiben. Havertz könnte nächste Saison woanders spielen, er könnte auch in Leverkusen spielen. Ich habe ein Gefühl, aber was zählt das schon? Diese Personalien werden in der Gerüchteküche noch spannend diskutiert, sind von entscheidender Bedeutung für die Zukunft des Vereins, doch egal was passiert, die Reaktion ist sehr berechenbar. Passiert nichts, gibt’s auch keine Reaktion. Und auf jeden Wechsel würde der Verein mit einer Neuverpflichtung reagieren, zwar positionsgetreu, aber nicht in gleicher Qualität. Das normale Schicksal eines Ausbildungsvereins, das normale Schicksal eines Vereins, wo regelmäßig die Ziele verfehlt werden.
Dadurch, dass Brandt nicht mehr auf dem Flügel zu finden ist, unabhängig davon, ob er dem Verein erhalten bleibt oder nicht, fehlt aber ein linker Flügelspieler. Bailey, Bellarabi (beide spielen lieber auf der rechten Seite) und Paulinho reichen da nicht aus.

Isaac Kiese Thelin wird den Verein verlassen, Sam Schreck wahrscheinlich auch. Beide waren nicht in der Lage, in Ansätzen ein Potenzial zu zeigen, um ein weiteres Festhalten an ihnen, rechtfertigen zu können. Die Verpflichtung von Kiese Thelin verstand ich schon im letzten Sommer nicht, er schien mir ein ähnlicher Spielertyp wie Pohjanpalo zu sein. Und für den Finnen, der Back-Up im Kader ist, brauchte und braucht es kein weiteres Back-Up. Pohjanpalo, der nach seiner Verletzung in der nächsten Saison hoffentlich wieder regeneriert zur Verfügung steht, ist für mich daher schon die perfekte Reaktion auf den Abgang von Kiese Thelin.
Und auch Lucas Alario wird wohl den Verein verlassen. Einen Abgang von Volland erachte ich als unwahrscheinlich, für einen Abgang von Pohjanpalo müsste ich noch mehr Fantasie aufbringen. Zwei Stoßstürmer reichen aber nicht aus, die Verletzung von Pohjanpalo wurde schließlich schon angesprochen.

Fazit

Mit den Spielern, die im Verein seit Jahren spielen, darf man nicht konstant die Champions League verpassen. Schmerzvolle Abgänge wie Brandt, Havertz, Tah und Aránguiz könnten die Folge sein. Ganz davon abgesehen, dass es für einen Verein wie Leverkusen sowieso schon quasi unmöglich ist, solche Abgänge identisch zu kompensieren, wird diese Herausforderung nicht dadurch einfacher, dass weniger Geld und weniger öffentliche Bühne als Anreiz vorhanden sind.
Die Positionen, wo Leverkusen den größten Bedarf hat, sind auch die Positionen, wo alle anderen Vereine händeringend suchen. Aufgrund der Umstände, wäre es vermessen zu glauben, dass der Verein diese Baustellen kurzfristig zufriedenstellend lösen kann. Obendrein stellt Simon Rolfes als neuer Sportdirektor auch noch eine Unbekannte dar.

Nichtsdestotrotz ist keine gigantische Abgangswelle zu erwarten, viele wichtige Stützen werden im Verein bleiben. Nichtsdestotrotz kann man davon ausgehen, dass der Verein auch in der dritten Saison ohne Champions League einen Kader haben wird, der kein Hindernis für die Qualifikation darstellen sollte. Und nichtsdestotrotz werden junge Spieler in Leverkusen spielen, denen man eine gute Entwicklung zutraut.

Besser wird der Kader aber wohl auch nicht. Es wäre so, blieben Brandt, Havertz und Co. geschlossen, davon kann man aber aktuell nicht ausgehen. Es braucht in der nächsten Saison die sportlichen Erfolge, die auch klar und öffentlich definiert werden müssen, damit wir uns in einigen Jahren nicht über unterdurchschnittliche Spiele gegen Krasnodar vor 16.084 Zuschauern freuen müssten.

2 Kommentare

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Die Niederlage ist dopppelt bitter.
Zum einen, weil wir am Ende trotz prima erspielter Führung recht hoch verloren haben zum anderen
weil dieser Rückfall schon unter Trainer Bosz mehrfach deutlich zu erleben war.
Bosz, der genau deswegen schon vor seiner Verpflichtung kritisch betrachtet wurde, hat
die Mannschaft nicht entsprechend eingestellt, bzw. diese Problematik in den Griff bekommen.
Sonst wäre das am Samstag in dieser Deutlichkeit nicht wiedrholt passiert.
Die Abwehr mutiert zu schnell zum Hühnerhaufen mit eklatanten Schwächen und Einbrüchen.
Das finde ich ist das eigentlich Dilemma, denn Bayer ist kaum keinen Zentimeter weiter gekommen
und ich glaube nicht daran, dass wir mit diesem Kader die nötige Wende schaffen, wenn Bosz nicht
glücklicher reagiert und das spielen lässt, was derzeit möglich ist.
Da nützt es auch nichts sich über einen unberechtigten Elfmeter aufzuregen oder zu verkünden dass man das nächste Spiel besser sein will.
Das System ist für diese Truppe falsch!
Als das schöne Tor von Baily durch den Videobeweis anuliert wurde, hatte ich ein ganz schlechtes Gefühl.
Wer den Bayer kennt, hatte dieses Gefühl garantiert auch.

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