Saisonanalyse: Mehr Bayer geht nicht

Es gab alles in dieser Saison, es war erneut die sprichwörtlich bekannte Achterbahnfahrt. Nichts neues. Konstanz vermisst man unter dem Bayerkreuz schon lange, doch in dieser Saison war es extrem. Und abermals endet die Saison so, dass ich positiv auf die nächste Spielzeit blicke. Wie der Verein das immer wieder schafft, bleibt mir auch ein Rätsel.
Ich finde, man muss in der Betrachtung drei Sachen voneinander trennen: Offenkundig natürlich die Hinrunde von der Rückrunde, aber auch die individuelle Spielerbewertung von der kollektiven Mannschaftsleistung. Beide hängen nämlich nur bedingt zusammen. Nachfolgend gibt es einen Rückblick über all diese Punkte und einen Ausblick mit vielen offenen Fragen.

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Hinrunde

Eigentlich schien die Ausgangssituation gut. Doch wenn ein Satz mit „eigentlich“ anfängt, schwingt stets ein großes „aber“ mit. Denn aus einer guten Ausgangssituation wurde erst ein schwacher Saisonstart und dann eine Trainerentlassung.

Es gab keinen Zeitpunkt in der Saison, wo Heiko Herrlich gefestigt in seinem Job war. Selbst das Auftaktspiel beim Oberligisten CfR Pforzheim im DFB-Pokal war eine wirkliche Qual, der Sieg längst nicht ausgemacht. Die ersten drei Partien in der Bundesliga gingen verloren, Herrlich stand also von Beginn an unter Druck.
Der restliche Verlauf lief nach einem sich wiederholenden Muster ab: War die Krise zu groß, gewann die Mannschaft. War die Punkteausbeutung zu hoch, wurde verloren. War die Hoffnung auf langfristige Konstanz zu gering, haute Leverkusen einen Kantersieg heraus. So inkonstant wie die Ergebnisse waren, so inkonstant waren auch die Leistungen und so inkonstant war auch Herrlichs Spielsystem. Ständig stellte er um, beinahe jede Formation gab es zu sehen. Grundsätzlich sind Umstellungen ein Qualitätsmerkmal und nicht verwerflich, doch es schien weniger so, als hätte Herrlich stets auf das gegnerische System reagiert, sondern vielmehr auf die eigene Negativserie. Auch wenn die letzten beiden Spiele in der Bundesliga gewonnen werden konnten, war es folgerichtig, den Trainer zu wechseln.

Davon losgelöst waren die Leistungen in den Pokalwettbewerben aber konstant in Ordnung. Leverkusen überwinterte in beiden Wettbewerben und auch wenn der Weg dahin wahrlich nicht fulminant war – das Spiel gegen Pforzheim habe ich bereits angesprochen – so war es doch ausreichend souverän. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die Mannschaft in der Hinrunde nicht an den vermeintlich einfachen Gegnern, dafür reichte meist die individuelle Klasse, sondern konstant an den höheren Herausforderungen scheiterte.

Rückrunde

Peter Bosz wurde sein Nachfolger. Erzählt man die Rückrunde rückwärts, fallen zwei Geschichten auf. Die positive Erzählung handelt von der Bundesliga, vom übernommenen neunten Platz, der in der Champions League resultierte. Die andere Geschichte behandelt nur drei Spiele, die Pokalspiele. In der Nachbetrachtung wurden diese in erstaunlicher Art und Weise gerechtfertigt und schön geredet, auch von mir. Kurz hintereinander aus zwei Pokalwettbewerben jeweils als klarer Favorit in den Spielen auszuscheiden, klingt nach einem großem Fiasko. Doch kann der Normalfall noch ein Fiasko sein? Hat es mich überrascht, dass Bayer gegen Heidenheim ausschied? Nein, wie sollte es auch? In den letzten Jahren scheiterte die Werkself u.a. an Dresden, Wolfsburg, Kaiserslautern, Bremen und Lotte. Gleiches gilt für die internationalen Wettbewerbe, wo Leverkusen zuletzt ebenfalls kaum ruhmreich war. Und geschieht dieses Ausscheiden auch noch zu einem Zeitpunkt, wo man gerade den Trainer wechselte, man sich also mitten im Umbruch befand, man zeitgleich in der Bundesliga sehr gute Spiele zeigte, dann fällt es jedem Fan leicht, beide Pleiten als Ausrutscher zu verbuchen. Da können wir ja beinahe froh sein, dass die Spiele wenigstens knapp waren. Das kann und darf es natürlich nicht sein. Und auch wenn sich Gründe finden lassen – einige habe ich bereits auch schon genannt – so darf nicht der Fehler gemacht werden, die Spiele unterzubewerten.

Der grandiose Sieg gegen Bayern und das peinliche Aus gegen Heidenheim, die direkt aufeinander folgten, bedienen exakt das Klischee, welches viele von Leverkusen haben. Die gesamte Inkonstanz in zwei Spielen verdeutlicht. Für die Bundesliga passt dieses Bild aber nicht. Gegen die acht Vereine von Platz eins bis neun wurden 12 Punkte geholt, gegen die untere Tabellenhälfte 46. Ein gewaltiger Unterschied, der zeigt, dass die Mannschaft in der Bundesliga ihr Pflichtprogramm solide absolvierte, stärkere Mannschaften aber oftmals zu stark waren. Dieser Trend zeigte sich wie oben bereits schon einmal angeführt schon unter Herrlich, setzte sich unter Bosz aber fort.

Das Spielsystem von Peter Bosz lässt sich leicht auf einzelne Punkte herunterbrechen. Bemerkenswerte Laufleistung (122,74 km. pro Spiel, Ligahöchstwert), resultierend aus einem starken Pressing, viel Ballbesitz (67.4%, Rückrundenhöchstwert) und viele Pässe, bei wenig langen Bällen und Flanken. Ein rundum offensives Spielsystem. Zu Beginn blieb er seiner Grundformation treu, einem 4-3-3, welches stark auf das Flügelspiel angewiesen ist. Denn einerseits sind die Außenverteidiger sehr gefordert, da Bosz von ihnen viele offensive Läufe erwartet, ohne die defensive Absicherung zu vernachlässigen. Lars Bender fiel oft verletzt aus, meistens standen daher Wendell und Weiser auf dem Platz, kurzzeitig bekam sogar Jedvaj den Vorzug, was schon verdeutlicht, dass Bosz nie wirklich Anlass hatte, mit seinen Außenverteidigern wirklich zufrieden zu sein. Andererseits sind natürlich auch die offensiven Flügelspieler gefordert. Leverkusen verlor dann allerdings nicht nur Bailey und Bellarabi kurz hintereinander verletzungsbedingt, sondern vor und währenddessen auch drei Spiele in Folge, die Champions League schien am 28. Spieltag in wahrlich unrealistisch weiter Ferne.

In diesem ersten wirklichen Tief, denn die Pokalspiele wurden wie oben beschrieben nie wirklich strukturell als solche aufgefasst, stellte Bosz um. Er wich nicht von seiner offensiven und auf Ballbesitz fokussierten Spielweise ab, änderte aber die Grundformation. Er bewies damit die taktische Flexibilität, die viele an ihm beim BVB kritisiert haben. Man kann es ein 3-6-1 nennen oder 3-2-2-3, die genaue Zahlenabfolge ist auch gar nicht so entscheidend, die Umstellung erwies sich aber als erfolgreich. Zwar war sie auch aus der Not heraus geboren, so wechselte Kevin Volland erst auf den linken Flügel, als dieser durch die Verletzung von Bailey frei wurde, dennoch hätte Bosz natürlich auch am 4-3-3 strikt festhalten können.

Das System der letzten Spiele hatte einige positive Auswirkungen. Die Außenverteidiger verbesserten sich merklich. Wendell blieb vorrangig defensiv, Weiser rückte stark auf. So konnte sich Wendell auf die Absicherung und Verteidigung konzentrieren, was sein Spiel verbesserte, und Weiser konnte das machen, was er sowieso besser kann als verteidigen, nämlich angreifen. Viele weitere Spieler machten in dieser Phase ihre besten Spiele: Volland und Alario beispielsweise, aber auch Baumgartlinger und Charles Aránguiz. Näheres im nächsten Teil.

Spieler

Tor und Abwehr

Der Abgang von Bernd Leno wurde von Lukáš Hrádecký adäquat aufgefangen. Wie bei meiner Thesen-Abrechnung schon erwähnt, er fiel nie besonders auf. Für einen Torwart ist das erstmal ein Qualitätsmerkmal. Im Nachhinein gab es zwar unterschiedliche Auffassungen über die Qualitäten bei der Spieleröffnung im Vergleich beider Keeper, Einigkeit bestand aber im Konsens, dass Hrádeckýs in der Rückrunde mindestens ordentlich war.

Die positive Meldung ist, dass kein Abwehrspieler sich verschlechtert hat. Nach Leistungssteigerungen sucht man aber auch vergeblich. Tah und Bender als gesetztes Innenverteidigerduo spielten gut, aber auch selten herausragend. Von Jonathan Tah hätte man sich eine Weiterentwicklung berechtigterweise wünschen können, die blieb aber aus. Jedvaj und Dragović galten vor der Saison schon als Fragezeichen, da sie nie besonders konstant waren, daran hat sich auch nichts geändert.

Gegenstand von Diskussionen waren aber permanent die beiden Außenverteidiger Wendell und Weiser, gleichzeitig auch die einzigen im Kader. Ich wüsste gar nicht, wo ich mit meiner Kritik anfangen sollte, womit auch schon alles gesagt wäre. Weiser gefiel mir dabei noch besser als Wendell, was aber auch nur an seinem Offensivspiel liegt. Im 3-6-1, wo er als Rechtsverteidiger deutlich offensiver aufgestellt war, machte er auch seine besten Spiele.

Mittelfeld

Man darf bei der Gesamtbewertung nicht den Fehler machen, die frischen Erinnerungen aus der Rückrunde, besonders aus den jüngsten Spielen, überzubewerten und damit im Umkehrschluss die Hinrunde unterzubewerten. Das gilt natürlich für alle Mannschaftsteile, ist im Mittelfeld aber besonders wichtig.
Beginge ich diesen Fehler nämlich, so würde der nachfolgende Text in einer reinen Lobeshymne über Aránguiz und Baumgartlinger ausarten. Wozu es auch allen Anlass gibt, denn zuletzt zeigten beide sehr gute Leistungen. Baumgartlinger fand nach der Systemumstellung seinen Platz, als defensivster Mittelfeldspieler und klare Absicherung. Währenddessen agierte Aránguiz ein paar Meter offensiver, was ihm genauso zu Gute kam wie Baumgartlinger die defensive Position. Allerdings lässt man in dieser Bewertung aus, dass beide nur schwer in die Saison fanden, bei Aránguiz auch bedingt durch seine Verletzung. Und Baumgartlinger schien unter Bosz schon abgeschrieben, bis zur angesprochenen Umstellung.

Bei Dominik Kohr könnte die Differenz zwischen Hin- und Rückrunde kaum größer sein, zumindest auf dem ersten Blick. 1.394 Minuten in der ersten Hälfte und 56 Minuten in der Rückrunde. Dennoch lässt sich nur schwer behaupten, dass das mit einem Leistungsabfall zusammenhänge. Nein, in der Rückrunde waren Baumgartlinger und Aránguiz fit, Bender teilweise auch und Bosz rotierte einfach nicht, vielmehr er wechselte auch in Spielen kaum und wenn überhaupt dann spät. Kohr kam auf sechs Einwechslungen, nur einmal vor der 80. Minute.

Angriff

Bei den Offensivspielern fällt mir die Bewertung besonders schwer. Beispiel Bellarabi: Im ersten Saisonviertel spielte er sportlich keine Rolle und fiel nur durch einen Platzverweis auf. Im weiteren Verlauf der Hinrunde schaffte er dennoch die Rückkehr in den Kader. Er brillierte zwar nicht, er etablierte sich aber. Nach der vorangegangen Saison und seinem Start in die diese Spielzeit, habe ich damit wirklich nicht mehr gerechnet. Wirklich stark wurde er allerdings unter Bosz, bis er dann verletzt ausfiel. Es ist schlichtweg nicht möglich, seine Saison kurz zusammenzufassen. Nächstes Beispiel: Alario: Überzeugende letzte Spiele, viele Lichtblicke verteilt auf die Spiele davor, aber auch viele Partien, wo er abgemeldet auf der Bank saß oder abgemeldet auf dem Feld stand. Beispiel Bailey: Trotz Verletzungen eine schwache Ausbeute, ihm fehlte viel von der Kaltschnäuzigkeit, die er im Vorjahr zeigte. Nichtsdestotrotz schien es so, dass die Verletzung zum Ende der Saison ihm einen möglichen Lauf nahm, denn auch er war unter Bosz besser als unter Herrlich in der Hinrunde.
Vollands Saison war wirklich ordentlich und konstant. Das klingt für 26 Torbeteiligungen eher mau, das soll es aber eigentlich nicht. Ich finde er ist ein guter Stürmer, auch im Sturmzentrum, wenngleich er zuletzt auf dem linken Flügel seine besten Spiele machte. Dennoch lässt mich bei ihm das Gefühl nicht los, dass die letzten paar Prozente immer noch fehlen. Das zeigt sich im Vergeben mancher Chancen und auch im Stellungsspiel.

Nicht sprechen müssen wir hingegen über Brandt und ganz besonders Kai Havertz. Beide kommen zusammen auf 54 Torbeteiligungen, damit ist alles gesagt.
Und zu Paulinho traue ich mich beinahe nichtmal etwas zu sagen, weil man ihn wirklich nicht einschätzen kann. Denn man hat in dieser Saison zurecht nichts erwartet, er zeigte dann aber in Ansätzen gute Aktionen. Aber er kam in der Rückrunde einfach nicht wirklich zum Zug und auch das kann ich ihm eigentlich nicht anlasten, es liegt eher an Bosz‘ Politik.

Fazit und viele viele Fragen

Mehr Bayer in einer Saison geht kaum: Erst große Hoffnung, dann große Inkonstanz, schlussendlich große Ernüchterung, zwischendurch aber fulminante Ausreißersiege. Ein Trainerwechsel war die Folge, auch keine Seltenheit in Leverkusen. Und dann das Spiel wieder von vorne: Neuer Trainer, große Hoffnung, die durch den Heimsieg gegen Bayern geweckt wurde, was sich aber schnell erledigte, als Leverkusen an Heidenheim und Krasnodar scheiterte. Schlussendlich endete die Saison mit der Champions League, wenngleich auch eher glücklich. Kurz danach wechselte dann allerdings der zweitbeste Spieler für relativ wenig Geld zur direkten Konkurrenz, eine Saison darf schließlich nicht nur positiv enden. Ach, und die Bender-Zwillinge waren natürlich auch regelmäßig verletzt. Mehr Bayer geht kaum.

An die Rückrunde unter Peter Bosz geht von mir aus ein großes Lob, das wurde im vorangegangen Text auch schon deutlich. Nichtsdestotrotz bleiben mit Blick auf die nächste Saison viele Fragen:

Wie gut kann der Wechsel von Brandt aufgefangen werden? Kann Demirbay die Erwartungen erfüllen, die mit ihm verbunden werden? Spricht man in einem Jahr immer noch über die Probleme in der Außenverteidigung? Wie wird sich Simon Rolfes schlagen? Wird sich der Abgang von Jonas Boldt langfristig bemerkbar machen? Die Mannschaft spielt ausgesprochen laufintensiv, wie soll dies mit dreifacher Belastung gelingen? Und wie sehr wird Bosz zwischen und während den Spielen rotieren, um Spieler wegen der Mehrbelastung zu schonen? Wie sehr funktioniert seine Spielweise überhaupt mit ständigen Rotationen? Welche Baustellen im Kader werden im Sommer alles angegangen? Kann Paulinho ein Faktor werden? Dürfen wir in der nächsten Saison wenigstens einen Verteidiger beobachten, der sich weiter entwickelt? Wie gut kommen Retsos und Pohjanpalo nach quasi einem Jahr Verletzung zurück? …

Diese Fragen lassen sich jetzt kaum beantworten, manche werden sich in den nächsten Wochen, andere erst im Saisonverlauf klären. Und auch wenn ich mich nach der vorausgegangenen Achterbahnfahrt nun freue, dass die Saison vorbei ist, so freue ich mich doch schon sehr auf das nächste Jahr.

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