Dreizehn Thesen zur Saison 2019/2020

Der Startschuss der Saison 2019/2020 steht kurz bevor. Bayer Leverkusen steht vor einer spannenden Zeit. Eine Spielzeit mit Trainer Peter Bosz, der den Beweis erbrachte, innerhalb kürzester Zeit eine Mannschaft in einem Wettbewerb sehr erfolgreich führen zu können, der den Beweis aber noch schuldig ist, wie und ob er mit höherem Druck, mehr Rotationen und einem dichteren Spielplan umgehen kann. Zeit ein wenig voraus zu blicken und 13 Prognosen zur Bayer-Saison 2019/2020 zu wagen. Wer widerspricht?

1. Paulinho wird mindestens zwölfmal in der Startelf stehen

Zwölf ist beileibe nicht die größte Zahl, doch es wäre ein großer Sprung im Vergleich zur vergangenen Saison. Er kam auf vier Einsätze von Beginn an, drei davon in der Europa League und der verbliebende gegen Heidenheim im Pokal war auch gleichzeitig der einzige unter Peter Bosz. Diese These steht insofern auf wackligen Füßen, da Leverkusen keine Europa League mehr spielt, wo es in der vergangenen Saison zu einigen Rotationen kam und Peter Bosz weitestgehend auf Rotationen verzichtete, als Bayer 04 nur noch in einem Wettbewerb vertreten war. In dieser Saison wird er diese Praxis ändern müssen, das Ausmaß ist allerdings noch unbekannt. Und nicht zuletzt hängt es maßgeblich vom Spieler ab, der sich mit Diaby und Amiri gegen eine höhere Konkurrenzsituation behaupten muss.

In den Testspielen schlug er sich ordentlich, das ist kein übermäßiges Lob, was aber in dem Licht zu betrachten ist, dass Bosz den Flügelspieler im Zentrum testete. Paulinho im Zentrum kann eine Alternative sein, vor einigen Wochen konnte man das noch nicht sagen. Zwölf Einsätze in der Startelf erscheinen mir gut denkbar für einen Rotationsspieler, in einer zur Rotation gezwungenen Mannschaft, der flexibler, eingewöhnter und sicherlich nicht schwächer als im Vorjahr ist.

2. Sinkgraven setzt sich gegen Wendell durch

Ich war überrascht davon, dass gegen Valencia Wendell den Vorzug bekam und ich war ebenso überrascht davon, wie gut er es machte. In offensiverer Rolle in der ersten Halbzeit, in defensiver Funktion in den letzten 45 Minuten. Weniger überrascht war ich von den Leistungen des Brasilianers in den vorhergegangenen Testspielen. Da wäre zum Beispiel sein abenteuerliches Positionsspiel, sodass er kaum in Zweikämpfe kam und stattdessen den gegnerischen Angreifern oftmals hinterherlaufen musste.
Trotz der Tatsache, dass Wendell in diesem einen Spiel überzeugen konnte, ließ mich das Auftreten von Sinkgraven noch positiver zurück. Er wird mehr Spiele als Wendell machen.

3. Letzte Saison stand Weiser in über 90% der Spiele auf dem Feld, in dieser werden es keine 70 Prozent

45 Pflichtspiele absolvierte Leverkusen in der abgelaufenen Spielzeit, Weiser stand in 41 davon auf dem Platz. Das ist eine überragende Quote, die sich aber nicht primär durch seine Leistungen erklären lässt. In dieser Saison kommen einige Sachen für ihn erschwerend hinzu.
Weiser absolvierte seine besten Spiele, wenn er offensiv vorgerückt auflief, währenddessen Wendell als Linksverteidiger sich eher an die Höhe der Innenverteidiger anpasste. Das funktionierte vor allem im 3-6-1, ist aber ebenso im 4-3-3 denkbar. Und natürlich auch gespiegelt mit einem offensiveren Linksverteidiger und einem absichernden Rechtsverteidiger. Sinkgraven wurde erst von Peter Bosz bei Ajax Amsterdam zum Verteidiger umgeschult und auch jetzt interpretiert er seine Rolle immer noch nach vorne gerichtet. Vermehrte Einsätze von ihm könnten es Weiser schwierig machen. Weiser ist zwar offensiv stärker als Lars Bender und Retsos, defensiv aber nicht zwangsläufig. Sinkgraven und Weiser beide aufzustellen, könnte defensiv zu anfällig werden. Mit Retsos, der nun wieder fit ist und auf dieser Position in den Testspielen getestet wurde, steht eine Alternative bereit. Mit Kapitän Lars Bender, dessen Aufstellung in der Verteidigung zwar immer noch als Provisorium gilt und der vom Abgang Kohrs profitieren könnte, steht ein alternativer Rechtsverteidiger bereit, da auch er sich Mittelfeld einer höheren Konkurrenzsituation stellen muss. Und Tin Jedvaj muss man hier auch noch nennen.

4. Pohjanpalo wird kein Faktor in dieser Saison, nichtmal ein kleiner

Zu kaum einem anderen Spieler seit Giulio Donati haben viele Leverkusener wohl ein so romantisiertes Verhältnis wie zu Joel Pohjanpalo. Er scheint über jeden Zweifel erhaben, obwohl er weder Stammspieler noch angehender Stammspieler ist, noch jemals in Leverkusen Stammspieler oder angehender Stammspieler war. Er lebt von seiner überragenden Quote für den Bayer in der Bundesliga alle 42 Minuten getroffen zu haben und er lebt davon, dass man ihn als überragenden Joker sieht.
Letzte Saison war es ausschließlich verletzt, davor war er weitestgehend verletzt, nun ist er aktuell wieder verletzt. Man nahm ihn aus dem Training, eine Verbesserung konnte aber nicht festgestellt werden. Wohl mehr als jedem anderen Spieler wünsche ich eine verletzungsfreie Spielzeit, ich kann aber leider nicht dran glauben. Joel Pohjanpalo wird in dieser Saison keinen Treffer erzielen, der den Bayer in Führung bringt oder einen Rückstand ausgleicht.

5. Diaby wird mehr Tore schießen als vorlegen

Wahnsinnig viel lässt sich zu Moussa Diaby noch nicht sagen: Im Antritt, der Schnelligkeit und dem Dribbling liegen die Stärken des Linksfuß, in der Defensivarbeit und dem Schlagen von Flanken die Schwächen. Er ist ein Konterspieler aus dem Bilderbuch, wie gut er sich im Ballbesitz unter Bosz macht, wird sich zeigen. Auch, ob meine These stimmt.

6. Zählen nur die Gegentore, landet Leverkusen nicht in der Europa League

Unstrittig ist, dass Leverkusens Defensive den schwächsten Kaderteil darstellt. Ebenso unstrittig ist, dass Bosz lieber 5:4 als 1:0 gewinnt und seine Taktik tendenziell zu mehr Toren und mehr Gegentoren führt.
In der vergangenen Saison kassierten Leipzig (29), München (32), Mönchengladbach (42), Dortmund (44), Frankfurt (48), Bremen (49) und Wolfsburg (50) weniger Gegentore als Hoffenheim und Leverkusen (je 52). Betrachtet man nur die Rückrunde unter Bosz landet Leverkusen nach Leipzig, München und Bremen aber auf dem vierten Platz. Keine Qualifikation für einen internationalen Platz im gesamten Saisonverlauf, Champions League in der Rückrunde. Nächste Saison wird’s die Europa League.

7. Volland wird erneut Leverkusener-Topscorer in der Bundesliga und erneut nicht für die Nationalmannschaft nominiert

Kevin Volland und Kai Havertz absolvierten jeweils alle Spiele in der Bundesliga, Volland traf 14 mal, Havertz gelangen drei Treffer mehr. Dafür legte Volland deutlich mehr Tore vor. So wird es auch blieben. Ein Zurück in die Nationalmannschaft wird es dennoch nicht geben. Schon in der abgelaufenen Saison war er nach Leroy Sané und Marco Reus der beste deutsche Scorer und fand trotzdem keine Berücksichtigung in der deutschen Nationalmannschaft. Warum sollte das nun anders sein?

8. Aránguiz verlängert nicht

Beim Schreiben dieses Textes fehlte zeitlang das „nicht“, ehe ich es wieder hinschrieb und wieder entfernte. Nun steht es da, einen wirklichen Grund gibt es dafür aber nicht. Es scheint eine typische 50/50-Situation zu sein. Die Ausgangslage ist klar: Bayer Leverkusen würde sofort mit ihm verlängern, Rudi Völler ist diesbezüglich sogar optimistisch. Und auf der anderen Seite steht das Fernweh, insbesondere wohl seiner Frau, aber auch er würde gerne nochmal für einen Klub in der südamerikanischen Heimat auflaufen. Die Ausgangslage ist klar, der Ausgang nicht.

9. Julian Brandt trifft gegen Leverkusen

Ich bin nun noch nicht wahnsinnig alt, schaue aber schon ausreichend lange Fußball, um mir sehr gut vorstellen zu können, dass genau das passiert. So etwas passiert immer, es muss so kommen. 

10. Jonathan Tah bleibt die Konstante in der Abwehr, eine Weiterentwicklung gelingt ihm aber wieder nicht

Die Ausgangssituation für Tah ist unverändert im Vergleich zu letztem und vorletztem Jahr. Er war schon damals die Konstante in der Innenverteidigung und auch in diesen Jahren scheint kein anderer Verteidiger in Sicht, der ihm diese Rolle streitig machen könnte. Und als junger Spieler erwartete man auch in beiden Jahren eine Weiterentwicklung von ihm. 2017/2018 ließ sich diese beobachten, in der letzten Saison nicht. Ob die vergangene Spielzeit nun eine Regel oder eine Ausnahme darstellt, wird sich in dieser Saison zeigen.

11. Keine Karte für Bosz und sein Trainerteam

Ab dieser Saison hat der Schiedsrichter die Möglichkeit, dem Cheftrainer und anderen Teamoffiziellen eine gelbe Karte, sowie auch den Platzverweis mit einer roten Karte anzuzeigen. Aktuell wird noch darüber diskutiert, ob das zweifache Zeigen der gelben Karte in einer Partie auch ein Spiel Sperre in der nächsten zur Folge hat und ob es wie in der Premier League vier angesammelte gelbe Karte in einer Saison braucht, um für ein weiteres Spiel gesperrt zu werden, das ist womöglich aber gar nicht entscheidend.

12. Bayer 04 und Peter Bosz verständigen sich noch in diesem Jahr auf eine Vertragsverlängerung

Sein Vertrag läuft bis 2020, also bis zum Ende dieser Saison. Eine Entscheidung in dieser Saison muss und wird also fallen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Peter Bosz nach einer kompletten Saison sein Werk in Leverkusen schon für vollbracht erachtet und es wäre ungewöhnlich für den Verein, mit einer Vertragsverlängerung übermäßig lange zu warten, wenn man überzeugt von ihm ist. Diese Überzeugung herrscht aktuell vor, wird (hoffentlich) im Laufe der Hinrunde bestätigt und endet in einer Vertragsverlängerung. 

13. Havertz verrät erst nach dem letzten Pflichtspiel zu welchem Verein er wechselt

Es gibt zwei Möglichkeiten: Er wechselt und der aufnehmende Verein steht frühzeitig fest. Er wechselt und der aufnehmende Verein steht erst nach dem letzten Saisonspiel fest. Die theoretische dritte Möglichkeit ist mir zu theoretisch, ich gehe fest davon aus, dass er es so wie Julian Brandt handhabt.


Diese Thesen werden nicht nur zum Ende der Saison wieder abgerechnet, sie sind auch mein Einsatz für die Saisonspende. Schon in der letzten Saison sammelte der Twitter-User @Mahqz wieder Einsätze für die Saisonspende, wodurch letztes Jahr über 2.600 Euro zusammenkamen. Für jede falsche These verpflichte ich mich zu zehn Euro, die zur Hälfte dem Fanprojekt Leverkusen und zur anderen Hälfte der Neven Subotic Stiftung zugute kommen werden.

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