Status Quo

Möchte man eine Saison analysieren und bewerten, wird man die Leistungen im Wesentlichen an der Erwartungshaltung bemessen. Und stößt dabei schnell ans grundsätzliche Problem feststellen zu müssen, was die Erwartungshaltung überhaupt ist. Wie sieht es diesbezüglich in Leverkusen aus?

Foto von: www.lev-rheinland.de

„Wir möchten alles tun, um nächstes Jahr ein besseres Ergebnis zu erzielen“ sagte Heiko Herrlich bei seiner Vorstellung. Bayer 04 stand am Ende der letzten Spielzeit auf dem 12. Platz. Bemisst man die aktuelle Saison nur daran, ob man sich verbessert habe, wäre das Ergebnis eindeutig. Abstiegsängste haben in den letzten Monaten keinerlei Rolle gespielt. Rudi Völler wiederholte, mittlerweile obligatorisch, das Saisonziel der vergangenen Jahre: „Unser Mindestziel ist die Europa League, Wunschziel ist die Champions League.“ Und auch wenn das die gleichen Worte wie all die Jahre zuvor sind, meinte er dieses Jahr damit dann doch etwas anderes. Die Championsleague war immer der eigentliche Anspruch, die Europa League die mediale Absicherung, um im Falle des Verfehlens des eigentlichen Ziels Königsklasse, dennoch vom einem Erfolg sprechen zu können. Diese Saison war das anders. Nach der vergangenen Katastrophensaison, dem Abgang wichtiger Spieler und der Verpflichtung eines Trainers, der zuvor noch nie eine Mannschaft der ersten beiden Spielklassen trainierte, sah niemand die Championsleague als wirklichen Anspruch an. Das wäre arrogant und überheblich gewesen. Die Qualifikation zur Europa League wäre, Stand vor der Saison, ein riesiger Erfolg.

Die Mannschaft hat nun aber in den vergangenen Monaten alles versucht, um in das alte Anspruchsdenken zurückzufallen. Mit Erfolg. Die Hinrunde wurde auf dem vierten Platz abgeschlossen, die Gefühlslage war sogar noch besser. Schließlich legte die Mannschaft eine grandiose Serie hin, da man nach dem fünften Spieltag noch auf dem 14. Tabellenplatz stand. Der Anspruch änderte sich. Nun war wieder die Königsklasse der Maßstab.

Aktuell sieht es nach wie vor sehr gut aus. Vierter Platz, zwei Punkte hinter dem Zweitplatzierten Schalke, aber auch mit zwei Punkten vor Frankfurt als nächsten Verfolger. Der siebte Platz wird sehr wahrscheinlich in dieser Saison auch für die Teilnahme an internationalen Spielen reichen, auf den achten Platz hat Leverkusen sogar neun Punkte Vorsprung. Ein derartiger Abfall ist sehr unwahrscheinlich, das Saisonziel kann man nun einige Woche vor dem Saisonende schon als so gut wie erreicht ansehen. Zu diesem Zeitpunkt eine beachtliche Leistung.

Aber auch im Kampf um die Championsleague hat Bayer 04 gute Chancen. So stehen die Spiele gegen die direkten Tabellennachbarn Dortmund und Frankfurt noch an und der BVB, Gladbach, Frankfurt und Leipzig müssen noch gegen den Rekordmeister antreten. Zwar sind zukünftige Verletzungen nie ausgeschlossen, aktuell hat aber kaum eine andere Mannschaft eine solch konstant hohe Kadertiefe. Ein weiteres Argument ergibt sich aus dem Saisonverlauf. Die letzten drei Spiele sind gegen Stuttgart, Bremen und Hannover. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es allen drei Vereinen zum Zeitpunkt des Spiels um nichts mehr geht. Nimmt man die Hinrunde zu Rate wird man feststellen, dass Bayer 04 gegen die noch acht verliebenden Vereine 16 Punkte holte. Im gleichen Zeitraum holte Schalke 14 Punkte, Frankfurt 12, Leipzig 9 und Hoffenheim und Dortmund sogar nur acht. Natürlich kann man seine Einschätzung nicht nur anhand einer Hinrunde und der Tabelle festmachen, deutlich wird aber trotzdem, dass es zahlreiche gute Argumente gibt, die den Traum Championsleague unterstützen.

Viel wichtiger für die Zukunft, als die Leistungen in der Vergangenheit, ist aber die Art und Weise wie das Team zuletzt auftrat. Unterscheiden könnte man hier zwischen der individuellen Leistung und dem Zusammenspiel als Team. Ich mag gar keinen Spieler in besonderer Weise hervorheben, denn fairerweise müssten in meiner Aufzählung dann auch so viele andere folgen, dass es beinahe witzlos wäre. Nur so viel: Kohr ist für mich immer noch der am meisten unterschätzte Spieler, Bailey spielte zwar in den letzten Spielen nicht mehr so überragend, wie noch ein paar Spiele zuvor, beachten muss man in diesem Zusammenhang aber sein Alter, dennoch muss man attestieren, dass er auch in den schwächeren Spielen bemerkenswert auftrat und Jonathan Tah ist auf dem besten Weg sich nach Russland zu spielen. Derzeit teilt sich der Kader aber in zwei Gruppen auf: Diejenigen, die häufig zu Einsätzen kommen und dann auch überzeugen, und diejenigen, die kaum eine Rolle spielen. Neben Frey und Yurchenko, ist hier insbesondere Pohjanpalo zu nennen, der kaum eine Chance bekommt. Auch Henrichs hat es schwer, weil Herrlich defensiv kaum rotiert.

Im Kollektiv funktioniert die Mannschaft ebenfalls. Gegen den Ball besteht ein guten Plan, die Abwehr zeigte insbesondere gegen Gladbach eine nahezu perfekte Abstimmung, und die Ballgewinne werden gut ausgespielt. Mit sechs Kontertoren liegt Bayer immer noch vorne. Mit einem durchschnittlichen Ballbesitz von 53% befindet sich das Team von Heiko Herrlich aber meistens im Ballbesitz, 29 Tore entstanden aus dem offenen Spiel. Drittbester Wert. Bezogen auf die Torschüsse pro Spiel (15) steht man sogar auf dem zweiten Platz.

Baustellen hat Heiko Herrlich dennoch. Zwar ist der Kader breit und gut aufgestellt, bei einem höheren Maß an Rotation ließ aber, wie beim Heimspiel gegen Berlin, die Durchschlagskraft nach, trotz deutlicher Feldvorteile. Ebenfalls an diesem Spiel, aber auch an der Partie gegen Schalke, zeigte sich, dass Bayer noch größere Probleme mit Mannschaften hat, die sehr tief stehen.

Fazit

Hier muss ich keine großen Worte mehr verlieren. Die Mannschaften hinter Bayern München stehen zwar alle nah beieinander, Leverkusen befindet sich aber aktuell in einer sehr guten Ausgangslage den aktuellen Championsleague-Platz zu halten. Unterstützt von den guten Leistungen und dem ruhigen Arbeitsumfeld. Rudi Völler muss nun nicht mehr Roger Schmidt verteidigen, indem er alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Entspannung findet der gemeine Bayer-Fan also nicht nur beim Blick auf die Tabelle, sondern auch beim Lesen des Pressespiegels.

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